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Spendenaufruf des Kunstvereins Göppingen für
Nasan Turs Plastik “SCHALUNG” in den Mörike-Anlagen

Seit letztem Herbst ist sie enthüllt und bereichert die hiesige Kulturlandschaft: die monumentale Holzplastik „Schalung“ des international bekannten Künstlers Nasan Tur. Starke positive Resonanz aus der Bevölkerung und den Medien hat jetzt die Idee reifen lassen, das extra für Göppingen entstandene Werk im Oberhofenpark dauerhaft für die Stadt zu erhalten. Aus diesem Grund sammelt der Kunstverein Göppingen ab sofort Spenden mit dem Ziel, insgesamt 40 000 Euro für den Erwerb der „Schalung“ zusammenzubekommen – also 400 Finanzgaben à durchschnittlich 100 Euro, so die Rechnung.

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„Das Auffallendste an Denkmälern ist, dass man sie nicht bemerkt“, sagte polemisch Robert Musil. Genauso verhielt es sich auch mit der Kriegerskulptur von 1939 gegenüber dem Mörike-Gymnasium, an die viele Göppinger praktisch von Geburt an so gewöhnt waren, dass eine Beschäftigung mit ihrer problematischen Aussage und Formensprache viel zu selten stattfand. Als der Kunstverein 2017 den Documenta-Teilnehmer Nasan Tur einlud, ein Projekt im öffentlichen Raum zu verwirklichen, entschied sich dieser für eine Arbeit, welche auf das ursprüngliche Denkmal antwortet und Fragen nach dem Umgang mit Geschichte aufwirft. Dadurch ist aus dem vergessenen baumumstandenen Platz ganz am Rand des Oberhofenparks ein Ort geworden, an dem wohl auch Musil nicht so ohne Weiteres hätte vorbeigehen können.

 Die alte Skulptur war auf Geheiß der Nationalsozialisten gefertigt worden und ersetzte eine Pietà, die in den Augen der Machthaber den „Pazifismus verherrlichte“, folglich nicht mehr in den Zeitgeist passte. Offiziell als Erinnerung an die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet, zeigt das Monument zwei Soldaten in schweren Mänteln und Stiefeln. Keiner von ihnen scheint zu trauern: Weder Tränen noch Schmerz zeigen sich in den kantigen Gesichtern. Vielmehr soll die heroische Haltung der Männer von der Trauer ablenken und zum Durchhalten auffordern. Der Einweihung des Denkmals kam Hitlers Überfall auf Polen zuvor, weshalb die zwei Krieger zunächst in einer Art hölzernen Kiste verschwanden und erst nach dem „Endsieg“ feierlich ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden sollten.

 Dies ist auch der unmittelbare Anknüpfungspunkt für Nasan Turs Kunstwerk, das an den historischen Bretterverschlag erinnert – und gleichzeitig darauf aufmerksam macht, dass eine Aufgabe von Kunst nicht das Ver-, sondern das Enthüllen historischer und gesellschaftlicher Wahrheiten sein sollte. Die Arbeit „Schalung“ reagiert in ihren blockhaften, in sich geschlossenen Formen auf jene des ursprünglichen Monuments und stellt sie auf beinah ironische Art in Frage. Skulptur und Anti-Skulptur stehen sich wie bei einem Duell gegenüber, was dem Raum zwischen ihnen eine ungeheure Spannung verleiht.

 Man könnte sagen, der Platz ist erst jetzt mit Sinn erfüllt worden und hat sich von einem Unort zu einem Ort gewandelt. Zu einer Stätte, an der kein politisch instrumentalisiertes Gedenken mehr stattfindet, sondern ein echter Denkprozess: Alle Besucherinnen und Besucher sind zu einer individuellen Auseinandersetzung mit Themen eingeladen, die heute ganz aktuell sind. In einer Zeit, da rechte Propaganda in vielen Ländern wieder en vogue wird, setzt Göppingen ein Zeichen gegen hohles und gefährliches Kriegspathos. Und noch dazu ist dieses Zeichen große Kunst, die auch für Nasan Tur selbst einen herausragenden Stellenwert in seinem Schaffen einnimmt. So hielt er kürzlich in der Rottweiler „Kunststiftung Erich Hauser“ einen Vortrag, in dem er die „Schalung“ als besonderes Beispiel für sein Verständnis für eine politische Dimension von Kultur heranzog.

 Entsprechend ist das Werk aus dem Göppinger Stadtbild kaum mehr wegzudenken. In einer Sitzung des Kulturausschusses am 26. April präsentierte Bürgermeisterin Almut Cobet den anwesenden Gemeinderatsmitgliedern das Vorhaben, Turs Plastik durch eine Spendenaktion des Kunstvereins aufzukaufen. Außerdem war sie die Erste, die den Geldbeutel zückte und 100 Euro für die gute Sache gab. Vollen Rückhalt findet die Aktion auch im Kulturamt bzw. bei dessen Leiter Wolfram Hosch. Gleiches gilt für die Kunsthalle und ihren Direktor Werner Meyer. Um das Projekt zusätzlich zu unterstützen, hat Nasan Tur der Produktion eines kleinen Abbilds seiner Plastik zugestimmt, das als Dankeschön für besonders großzügige Spenden verteilt werden wird.

            Spenden können ab sofort auf das folgende Konto überwiesen werden:
            Bankhaus Gebrüder Martin / IBAN DE21 6103 0000 0000 0526 86

 

Kurzbiografie des Künstlers:

  • 1974 in Offenbach geboren, studierte Nasan Tur zunächst an der dortigen Hochschule für Gestaltung und später an der Städelschule in Frankfurt am Main. 2017, im Entstehungsjahr der „Schalung“, war er sowohl auf der Documenta in Kassel als auch der Istanbul-Biennale sowie im Kunsthaus Wien vertreten. Neben der Arbeit im öffentlichen Raum zeigte der Kunstverein Göppingen auch eine Ausstellung in der Kunsthalle, die seinen Werken gewidmet war. Tur ist vielfach preisgekrönt und gilt als einer der spannendsten Exponenten einer politisch engagierten Konzeptkunst.