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Fotos: Frank Kleinbach

Jahresausstellung 2019 des Kunstvereins

BASTIAN MUHR. SHED

Gedanken vor einer Ausstellung

Bastian Muhr wird drei Wochen vor Ausstellungseröffnung anreisen, um mit seiner Zeichenarbeit zu beginnen. Fünfzig weiße Kreidestifte liegen parat. Der Künstler hat kalkuliert, dass sie für die 309 m² große Zeichnung ausreichen könnten – zur Not müssen noch Stifte nachbestellt werden. Die sogenannte „Halle oben“ der Kunsthalle Göppingen weist 500 m² auf, sodass die Betrachterinnen und Betrachter die in der Mitte befindliche Zeichnung auf einem etwa 2m breiten Gang umlaufen können.

Als ich 2018 erstmals eine Bodenarbeit von Bastian Muhr im Museum der Bildenden Künste in Leipzig sah, faszinierte mich der Grad der Augentäuschung: nicht zu wissen, womit man es eigentlich zu tun hat. Spannt sich da ein feines Netz über den Boden oder ist es eine Beamerprojektion? Ich rieb mir die Augen und wunderte mich beim Lesen der Werkangabe „Bastian Muhr. Zeichnung 2018“.

Man erinnert sich an den Wettstreit in der Antike zwischen Zeuxis und Parrhasios, der von Plinius überliefert ist. Zeuxis gelang es mit gemalten Weintrauben, Vögel zu narren und anzulocken; Parrhasios hingegen glückte es, selbst den Künstlerfreund zu täuschen: Jener soll den Kollegen aufgefordert haben, den in bestechender Echtheit gemalten Vorhang zur Seite zu ziehen, um das eigentliche Bild zu enthüllen.

„Täusche das Auge“ – der Begriff Trompe-l’oeil ist somit ebenfalls als Aufforderung zu verstehen: Das Bild gibt vor, kein Kunstwerk, sondern Realität zu sein. Der Künstler verbirgt sich im Illusionismus des Werks. Erst wenn durch die eingehende Betrachtung erkannt wird, dass es sich um eine künstlerische Arbeit handelt, offenbart sich die eigentliche Idee. Ein Schlüssel zur Kunst des Augentrugs liegt im Wechselspiel zwischen Selbstverleugnung und Selbsterschaffung, also zwischen Realität und Kunst. Aber nur in einer ersten Stufe mag es um die Irritation der Wahrnehmung gehen, in einem zweiten und zentralen Schritt fokussiert diese Art von Kunst den Status einer künstlerischen Arbeit als Medium der Erkenntnis. Wie so oft leitet die Kunst zur Philosophie über. Die Erkenntnistheorie ist eine philosophische Disziplin mit dem Ziel der Wahrheitsfindung. Der Erkenntnis – und das verbirgt sich bereits im Wort „kennen“ – geht die Erfahrung der Welt und ihrer Erscheinungen voraus. Die Kunst bietet die Möglichkeit, die Sinne zu schärfen und diese zu hinterfragen.

Erneut umrundete ich die Zeichnung in Leipzig und überlegte, was wohl geplant und was dem Zufall überlassen sei. Nach den Gesprächen mit Bastian Muhr in der Vorbereitungsphase der Ausstellung in Göppingen weiß ich nun, dass genaue Studien und Versuchszeichnungen die Grundlage seiner Arbeiten sind. Andererseits kann ihm keine Studie im Vorfeld das tatsächliche Aussehen der Arbeit in situ garantieren, da auch hier ein spannendes Wechselspiel von Planung und spontanem Arbeitsprozess dominiert.

Sicherlich werden viele Besucherinnen und Besucher der Ausstellung die Frage nach der Entstehungsdauer stellen. Im Moment setzt sich der Künstler einen Zeitrahmen von zehn Tagen. Er wird die ersten Tage nutzen, um ein Gefühl für den Umfang des anstehenden Projekts zu bekommen. Aber es können unvorhergesehene Probleme auftreten, beispielsweise dass der Rücken durch die gebückte Haltung schmerzt oder die zeichnende Hand krampft. Ein oder zwei Ruhetage sind daher in seiner zeitlichen Organisation eingeschlossen. Ansonsten wird er geduldig und ausdauernd täglich seiner Zeichenarbeit nachgehen. Das Bild auf dem Boden wird stündlich wachsen, mönchisch zieht Muhr Strich für Strich. Und so wird in der großformatigen Bodenzeichnung die Zeit nicht nur eingeschrieben sein, sondern das Thema der Zeit und ihres Fließens als wichtiger Bestandteil der Kunst von Bastian Muhr sichtbar.

Wie viele andere Künstlerinnen und Künstler vor ihm, war auch Muhr bei seinem ersten Besuch in der Kunsthalle begeistert: die weiträumige Halle mit ihrem natürlichen Lichteinfall aus Norden durch die Dachform der Sheds bietet eine besondere Ausstellungssituation.

„Shed“ – für diesen Ausstellungstitel hat sich Bastian Muhr schließlich auch entschieden. Er hat sich bereits bei einem Besuch im Frühjahr 2019 und durch all seine künstlerischen Vorbereitungen in Göppingen verortet. Ich danke Bastian Muhr im Namen des Kunstvereins Göppingen für seine Arbeit und wünsche der Ausstellung viele interessierte Besucherinnen und Besucher.

Veronika Adam
Künstlerische Leitung Kunstverein Göppingen e.V.

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG

15. Dezember 2019 um 18 Uhr
Einladungskarte [PDF]

AUSSTELLUNGSDAUER

15. Dezember 2019 bis
9. Februar 2020

VERANSTALTUNGEN

Künstlergespräch mit Bastian Muhr
am Donnerstag, den 05.12.2019, 19 Uhr
in der Kunsthalle Göppingen

Bastian Muhr. SHED (Trailer)

Timelaps | Zeitraffer

Bastian Muhr. SHED (Portrait)

Video und Schnitt: Hagen Betzwieser

Bastian Muhr

Kurzvita

Bastian Muhr (*1981) lebt und arbeitet in Leipzig. Er arbeitet hauptsächlich mit Malerei und Zeichnung; zusätzlich realisiert er große, temporäre ortsspezifische Zeichnungen. Von 2004 bis 2010 studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Seitdem wurden seine Arbeiten in Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien, der Slowakei und den USA gezeigt.

Mehr Informationen auf bastianmuhr.de

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