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Exkursion März 2026

Die Kunst, Kunst zu verstehen

Der Kunstverein Göppingen bei Beuyß in Tübingen

Selbst wenn man bei ihm studierte, konnte man ihn zuweilen als rätselhaft empfinden, äußerte er sich zu einem Thema doch selten zweimal auf die gleiche Weise: Joseph Beuys, dessen große Werkschau in der Kunsthalle Tübingen gerade zu Ende gegangen ist, hat das zwanzigste Jahrhundert entscheidend mitgeprägt, gilt deshalb jedoch keineswegs als leicht zugänglich. Eine Gruppe des Kunstvereins Göppingen ist kurz vor Torschluss in die Stadt am Neckar gefahren, um dem bekannten Unbekannten bei einer Führung auf die Spur zu kommen.

Joseph Beuys – der Name löst Assoziationen aus: Filz, Fett, Hase, und wenn das nicht reicht, noch Hut, Schlitten und Badewanne obendrauf. Doch was steckt hinter diesen Schlagworten? Genau genommen die komplette Kunstgeschichte, meint die freundliche Museumsmitarbeiterin, die die Gäste aus Göppingen in Empfang genommen hat und durch die Schauräume begleitet. An den Wänden: minimalistische Grafiken an der Grenze zur Abstraktion. In Drei-D davor: Installationen wie das „Zwergendenkmal“ von 1963, ein kleiner roter Farbstift, der aufrecht auf einem kleinen weißen Sockel steht. Ein Kommentar zur Rolle der Kultur zwischen gesellschaftlicher Marginalisierung und monumenthafter Aura?

Die Kunstgeschichte, erfahren die Besucherinnen und Besucher, durchlief mehrere entscheidende Phasen: von den mythischen Anfängen über lange Jahrhunderte, wo Handwerk und Kunst gleichgestellt waren, hin zur Neuzeit, als Leonardo und Co. zu vergötterten Figuren wurden, quasi auf derselben Ebene mit ihren reichen Auftraggebern agierten – und auch eine gemeinsame Bildsprache mit ihnen teilten –, ja, und dann schließlich, noch einmal um Welten später, kam das zwanzigste Jahrhundert, in dem die Allianz zwischen Mächtigen und Kreativen so ziemlich passé war: Die Kunst hatte gelernt, für sich ein tiefgreifendes Wissen über die Welt in Anspruch zu nehmen; aber wenn sie nun schon nicht mehr mit Königen und Kirchenfürsten am Tisch saß, konnte sie dadurch umso freier Kritik üben, in Dialog mit der Öffentlichkeit treten und eine neue Position in der Gesellschaft besetzen.

Beuys – diese Erkenntnis nimmt der Kunstverein mit nach Göppingen – will nicht im klassischen Sinn entschlüsselt werden. Die Elemente seiner Kunst lassen sich nur sehr bedingt ikonografisch erfassen; ein exaktes Wörterbuch seiner Bildsprache gibt es nicht. Bei ihm entsteht das Kunstwerk in der Auseinandersetzung zwischen seinen Schöpfungen und unserer Reaktion darauf. Es entwickelt sich immer weiter, je mehr Menschen es rezipieren und individuell für sich entdecken. In diesem Sinn darf eine Führung durch seine Arbeiten auch nicht als Eins-zu-eins-Erklärung seiner Ästhetik verstanden werden, sondern – so die freundliche Kunstvermittlerin – eher als kleine Gebrauchsanweisung, die uns hilft, unseren eigenen Zugang zu finden. Und dann: Dann sind wir gefragt. Wir sind eingeladen, uns gewissermaßen auf den Beuyß’schen Schlitten zu setzen und auf eine Reise zu begeben. Die zurück zum Hohenstaufen dauert – motorunterstützt – eine knappe Stunde. Die geistige hat gerade erst begonnen.

JOSEPH BEUYS. BEWOHNTE MYTHEN

Ort:
Kunsthalle Tübingen

Anlass:
Exklusive Führung für den Kunstverein Göppingen

Datum:
Freitag, 6. März 2026 | 15.00 Uhr

Ein Artikel von:
Kai Bleifuß

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